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Wir sind Greenstyle

Was wäre, wenn wir als erste alpine Feriendestination weithgehend CO2-neutral sein könnten? Das würde bedeuten, dass wir unseren gesamten Energiebedarf selbst herstellen müssten. Nur eine Vision oder machbar?

Wenn es um Nachhaltigkeit in der Region geht, kommt man um Reto Fry nicht herum. Neben seiner Tätigkeit als Umweltbeauftragter bei der Weissen Arena Gruppe (WAG) ist er auch Mitglied im Stiftungsrat der Greenstyle Foundation, einer Non-Profit-Organisation, die sich für den Erhalt und den Schutz der Umwelt vor Ort einsetzt. Eine der grössten Visionen von Reto Fry ist es, den gesamten Energiebedarf von Flims, Laax, Falera, Trin und Sagogn durch 100 Prozent regionale erneuerbare Energie abzudecken. Frei nach dem Motto: «Stell dir vor, wir transformieren die gesamte Destination von einem Verbraucher zu einem Produzenten.»

Was und wie viel verbrauchen wir aktuell?
Heute beträgt der Gesamtenergieverbauch der Destination circa 280 GWh (Gigawattstunden). Rund ein Viertel (70 GWh) davon ist durch erneuerbare und klimafreundliche Energie abgedeckt. Drei Viertel (210 GWh) sind mehrheitlich klimaschädliche Brennstoffe (Heizöl oder Treibstoff) für Heizung und Mobilität (Auto, Lastwagen, Bus, Pistenmaschinen etc.).

Welches sind die erneuerbaren Energiequellen?
Das Potenzial für die Energieproduktion in der Destination beträgt mindestens 290GWh pro Jahr: aus Wasserkraft 90GWh, aus Windkraft 10 GWh, aus Solarstrom 160 GWh und aus Biomasse 30 GWh.

Wie können wir dieses Ziel realisieren?
Im Bereich Mobilität und Gebäudebestand besteht ein grosses Potenzial, Energie einzusparen. Bei der Mobilität sind es 60 Prozent und bei den Gebäuden sind 50 Prozent oder mehr möglich. Das würde den Verbrauch um 110 GWh reduzieren. Somit könnte der Gesamtenergieverbrauch in der Zukunft auf 170 GWh pro Jahr verkleinert werden und problemlos mit dem Produktionspotenzial von 290 GWh pro Jahr erneuerbarer, klimafreundlicher Energie abgedeckt werden. Reto Frys Sieben-Punkte-Plan zeigt konkreter auf, wie es gehen könnte (siehe Grafik).


Wenn alle mitmachen würden, könnte sein ehrgeiziger Plan aufgehen. Doch dafür bedarf es Zeit, Aufklärung, Arbeit und Wille. Einige Ansässige versuchen bereits, sich in Reto Frys Sinne ökologisch zu verhalten, und lassen seine nachhaltige Vision zur Realität werden. So sieht man zum Beispiel immer häufiger Elektro-Fahrzeuge und Fahrränder auf der Strasse oder dass Bauherren auf ihren Dächern und Fassaden eine Photovoltaik-Anlage installieren.

Wer Worte in Taten umsetzt
Das Riders Hotel in Laax Murschetg zum Beispiel hat ein Nachhaltigkeitsversprechen abgegeben, das besagt: maximale Energieeffizienz, 100 Prozent erneuerbare Energien sowie Zero Waste. Um dieses Anliegen umzusetzen, wurde jetzt das Dach des stylischen Boarderhotels begrünt und mit vertikalen Solarpanels ausgestattet. Es ist ein Pilotprojekt, bei dem durch die speziellen Panels, auch wenn Schnee liegt, gute Stromerträge realisiert werden können. Die Begrünung des Dachs verspricht darüber hinaus Lebensraum für Insekten und den Komfort, kühlend im Sommer zu sein und im Winter bei Kälte isolierend zu wirken. Auch mit einem vegetarischen Restaurant und einem kostenlosen Repair-Service für Kleidung, will das Team des Hotels nachhaltige Alternativen zur gewohnten Lebensweise aufzeigen. Um den Zero-Waste-Gedanken zu verstärken, wurde unlängst eine Kamera über dem Müllcontainer installiert. Sie misst die Lebensmittelabfälle, um beim nächsten Einkauf effektiver wirtschaften zu können.


Damit nicht genug. Auch Christoph Schmidt, Geschäftsführer Gastronomie der WAG, und sein Team setzten immer stärker auf den ökologischen Gedanken. So wird in der gesamten Berg- und Talgastronomie der WAG das Fleisch zu fast 100 Prozent aus der Schweiz bezogen, Kaffee sowie Tee stammen aus fairem Handel und aus biologischem Anbau. Zudem wird seit diesem Winter komplett auf Plastiktrinkhalme verzichtet und für Getränke und beim Geschirr setzt man in der Berggastronomie und bei Events weitgehend auf Mehrwegsysteme. Im Berghaus Nagens und im Restaurant Ella in Flims wurde ebenfalls eine Food-Waste-Kamera eingebaut

Nachhaltig einkaufen
Auch die Eigentümer des Bekleidungsgeschäfts Rudolf Flims, Melanie und Arno Dietz, setzen bei ihren internen Prozessen genauso wie bei ihrem hochwertigen Sortiment stark auf Nachhaltigkeit. Neben der Jeansmarke K.O.I. - Kings of Indigo, die konsequent sustainable und fair produziert wird, findet man Marken wie Friendly Hunting, Langbrett, Carpasus oder auch Calida. Allesamt Firmen, die innovative und progressive Ökotextilien herstellen.
Eine ähnliche Philosophie vertritt Tamara Beutler. Sie ist die Gründerin des Concept Stores Louvin in Flims. Alles, was man bei hr kaufen kann, ist zu 100 Prozent ökologisch. Ihr Hauptfokus liegt auf Kleidung, aber sie bietet auch Alltagsgegenstände an wie ökologische Zahnbürsten, Kosmetik und Accessoires.
Ganz anders hingegen geht die Modedesignerin Deborah Fuhrer mit dem Thema Fashion um. Sie will erst gar nichts Neues produzieren, sondern das Alte erhalten. Upcycling ist ihre Passion. In ihrem kleinen Atelier in Flims, unterhalb des Cafés Livingruhm gelegen, verwertet sie alte Kleidungsstücke.


Ebenso sind die Gemeinden der Destination bemüht, ökologisches Verhalten zu fördern. Seit einigen Monaten bieten Flims und Laax Recyclingsäcke für Plastikverpackungen an. Darin finden Joghurtbecher oder Waschmittelbehälter kurzzeitig ihren Platz, bevor die Säcke zur entsprechenden Sammelstelle gebracht werden. Das Plastik wird anschliessend in einem speziellen Verfahren zu Kunststoffgranulat verarbeitet. Vorzeigenswert ist auch das gemeinschaftliche Solarprojekt von Sagogn. Unter dem romanischen Titel «Sulegl per Sagogn» wurden die Einwohner der Gemeinde motiviert, zu sehr günstigen Konditionen Photovoltaik-Anlagen auf ihren Häusern zu installieren. Seit 2018 schmücken 60 Solaranlagen die Dächer Sagogns. Für ein Dorf mit nur 660 Einwohner ein lobenswertes Ergebnis.

Wie sieht es eigentlich mit der persönlichen Ökobilanz des Umweltbeauftragten Reto Fry aus? Er muss lächelnd einräumen, dass er nicht perfekt ist. Früher sei er öfter geflogen, heutzutage nur noch selten. Seit er darauf verzichtet, kennt er aber seine Heimat besser und ist viel fitter geworden. Denn egal ob es regnet oder schneit. Reto Fry lässt das Auto in der Garage stehen und fährt mit dem Velo. Nachhaltiger geht Mobilität nicht.

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